Der gescheiterte Visionär: Gustav Struve

Als Gustav Struve am 21. September 1848 vom Balkon des Rathauses im südbadischen Lörrach die Deutsche Republik ausrief und die versammelten Bürger zum bewaffneten Aufstand gegen die Unterdrücker des Volkes mobilisierte, hatte er schon einige Monate die Badische Revolution im Kampf, aber auch im Wort entscheidend mit angeführt. Der Sohn eines kaiserlich-russischen Gesandten war bereits im Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg mit den radikal-liberalen Ideen der Studentenschaft in Berührung gekommen und hatte sich mit Karl Mathy, dem späteren Anführer eines gemäßigten Liberalismus in Baden, angefreundet.

Nach einigen Jahren der beruflichen Sinnsuche eröffnete Struve 1836 in Mannheim eine Rechtsanwaltskanzlei. Dort engagierte er sich in der Erwachsenenbildung mit der Gründung eines Volkslesevereins und wirkte 1846 bei der Gründung des Mannheimer Turnvereins als Beisitzer mit. In diese Zeit fällt auch sein erstes publizistisches Wirken: Zwischen 1843 und 1845 gab er die Zeitschrift für Deutschlands Hochschulen heraus, die vor allem unter den progressiven Heidelberger Burschenschaften Verbreitung fand. Ihr folgten weitere Zeitungsprojekte, die ihn zum einen in eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der großherzoglich-badischen Regierung brachte, zum anderen aber auch in engeren Kontakt mit seinem Kollegen und Landtagsabgeordneten, Friedrich Hecker.

Zusammen mit Hecker bildete Struve die führenden Köpfe der Badischen Revolution. Bereits im September 1847 wirkten beide entscheidend bei der Formulierung des Offenburger Programms, einem ersten Grundrechtekatalogs, mit. Durch den Funken der französischen Februarrevolution 1848 radikalisierte sich auch in den Deutschen Staaten die Freiheitsbewegung. Nach dem Scheitern der radikalen Demokraten im Vorparlament der Frankfurter Paulskirche mit der Forderung nach einer einheitlichen Verfassung und durch die Verhaftung des Konstanzer Publizisten Fickler angestachelt, rief Hecker in Konstanz die Republik aus. Struve und Hecker scheiterten rasch mit dem bewaffneten Heckerzug im April 1848. Struve ließ sich jedoch nicht entmutigen und wollte mit seinem Septemberputsch eine soziale Republik ins Leben rufen. Nach der Niederschlagung wurde er zusammen mit seiner Frau Amalie inhaftiert und verurteilt, allerdings gelang ihm die Flucht und er verbrachte 15 Jahre im Exil.

Nach Gustav Struve sind Straßen in Rastatt (dort allerdings mit dem von ihm abgelegten adligen Zusatz „von“), in Buchen und in Oftersheim benannt, nach seiner Frau Amalie eine Straße in Offenburg. Im südbadischen Staufen gibt es seit kurzem einen Stadtrundgang „Wege der Revolution 1848“ mit verschiedenen Stationen zu Struves revolutionären Aktionen. Weitere Erinnerungsorte sind das Alte Rathaus in Lörrach, die Kultur- und Erinnerungsstätte „Salmen“ in Offenburg und die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt.